Bitter und süß, schwer und leicht

Pralinen machen Musik

Kathrin Wippler kennt den echten Wagner-Geschmack. Denn sie hat ihn erfunden. Er ist schwer und herb. Der Musiker war bekanntlich eine Diva, ein gottverdammter Egoist, der nach Aufmerksamkeit gierte. Thomas Mann, der sich dem Klangrausch der Wagnerschen Werke nicht entziehen konnte, beschrieb immer wieder die Schwächen des Dresdner Hofkapellmeisters. Er misstraute ihm, dem »Schnupfenden Gnom aus Sachsen«. Felix Mendelssohn Bartholdy bezeichnete Wagner als »geistreichen Dilettanten« und Musikkritiker Heinrich Dorn meinte, der Komponist hielt »jedes seiner Exkremente für den Ausfluss einer göttlichen Eingebung«.

Richard Wagner ärgerte sich darüber. Und er juchzte über derlei Komplimente. Er wusste besser als alle anderen, was er war: »Ich bin ein Gemisch von Hamlet und Don Quixote«. So einer zergeht nicht einfach leicht auf der Zunge, sondern macht sich bemerkbar.

Um diesen Charakter schmackhaft zu machen, ging Kathrin Wippler vergangenes Jahr in ihre Konditorei und probierte drei Monate lang. Schauspieler Johannes Gärtner hatte die kühne Idee, für die Wagner-Spiele in Graupa zum 200. Geburtstag des Komponisten ein Schwanenkonfekt entwickeln zu lassen. Zu den Vorstellungen sollte das Publikum Wagner nicht nur hören dürfen, sondern auch im Gaumen spüren. »Ich habe ewig rumgefriemelt bis ich es hatte«, sagt die Konditorin.

Erste Erfahrungen mit derlei Spezialprodukten sammelte sie, als die Bäckerei noch in Hosterwitz ihren Stammsitz hatte. Unweit des Weber-Museums arbeiteten Wipplers und wussten um den Sommergast, der einst den Freischütz komponierte. Es lag also auf der Hand »Webers Freikugeln« zu kreieren. Das sind sieben feine Marzipan Pralinen mit dem ganz besonderem »Innenleben«. Sechs der Kugeln offenbaren beim Verzehr den zarten Geschmack von Pistazien und Nougat, die siebente aber wird mit Chili und Ingwer gefertigt und extra in goldenem Papier verpackt.

Für Wagner und Graupa entstand eine Praline mit Trüffel-Canache, Zucker, Kakaobutter, Sahne, Butter, Lavendel, Kir Royal, Rotwein und Aronia. »Es ist eine dunkle Füllung«, sagt Kathrin Wippler. Und damit hat sie es perfekt getroffen. Vorkoster des Konfekts waren Vater und Mutter, der Bruder und Mitarbeiter der Bäckerei. Aber nicht allein der Geschmack war die Herausforderung, sondern vor allem die Haltbarkeit der Fruchteinlage. Mindestens zwei Monate müssen garantiert werden. Das erreicht die Konditorin mit einem altbewährten Rezept.

Alles wird aufgekocht bis 107 Grad, so kann Wasser entweichen, das sonst für den Schimmelprozess in Gang setzten würde. Und natürlich musste Richard Wagner auch selbst präsent sein. Auf der Praline prangt sein Porträt, gezeichnet von Juliane Beier. Mit Druckfarbe aus Kakao wird der Kopf aufgebracht, eine Fotodruckfirma aus der Schweiz besitzt das Patent dafür und liefert die süßen Wagnerscheiben an. Und weil die geschmackvolle Komposition beim Publikum bestens ankam, gibt es in diesem Jahr eine neue Auflage die auch seiner Frau Minna Wagner Rechnung trägt.

Zur Erholung zog sich der Komponist 1846 mit seiner Minna für zehn Wochen nach Graupa zurück. Er musste sich von seiner Arbeit als Hofkapellmeister und den Dresdner Intrigen erholen. Das Paar wohnte im Schäferschen Gut, jenem Fachwerkhaus, das 1907 als Wagnermuseum eröffnet wurde und sich deshalb das älteste Wagner-Museum der Welt nennen darf. Schon wie bei der Richard-Praline lag Kathrins Herausforderung in Minnas geschmacklichen Personifizierung. Sie liegt im Kontrast leichter und fruchtiger auf dem Gaumen.

Den Geschmack geben Vollmilchschokolade, Sahne, Butter, Rosenwasser und vor allem Quittensaft. Ein echter Genuss. Kathrin Wippler hat wirklich Geschmack.

Peter Ufer

Kreative Konditorei-Chefin: Kathrin Wippler mit ihren »Wagner-Pralinen« vor dem Jagdschloss Graupa, heute Wagner-Museum.

Kreative Konditorei-Chefin: Kathrin Wippler mit ihren »Wagner-Pralinen« vor dem Jagdschloss Graupa, heute Wagner-Museum.